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Mosaik > Kirchgemeindehaus Oberstrass, Zürich

Ein Bericht zur Einweihung

Oberstrass grüsst Zürich, und zwar Zürich- Stadt, Zürich-Land und Winterthur; grüsst mit Bild und Botschaft, mit einem Kunstwerk, welches der vorbeihastenden Welt etwas zu bestellen hat.

An der großen Einfallstraße, die vom Oberland, Weinland und Mittelland nach der Zürcher Innenstadt strebt, steht seit Monaten des neue Kirchgemeindehaus Oberstrass. Es trägt die Hausnummer Winterthurerstraße 25 und ist schon an sich ein ansprechender Neubau. Vor kurzem wurde er um einen Schmuck bereichert. Ein haushohes, farbiges Mosaik ziert die dem stadtwärts flutenden Verkehrsstrom zugewandte Nordseite. Für den eiligen Fahrer und Fußgänger lohnt sich das Einschalten eines besinnlichen Halts, wozu die Ausbuchtung der Fahrbahn und der weite Vorplatz ohnehin einladen.

Das Mosaik ist aufgebaut aus verschieden großen und verschiedenfarbigen Tafeln, deren aus Natursteinen gewonnenes Material der Künstler selbst in liebevoller Kleinarbeit zusammengesucht und behauen hat, bis Steinchen um Steinchen die rechte fügsame Form besass. Vier senkrecht und wagrecht die Komposition durchlaufene weisse Streifen lassen sie als Kreuz wirken. Ein kleineres Kreuz am linken Rand und das Monogramm Christi zu Häupten ergänzen die christliche Symbolsprache. Das Kreuz am Rande der Heerstrasse will ein Bekenntnis sein.

In drei Stufen baut sich eine Bildfolge auf. Unten künden fünf stilisierte Brote und zwei Fische von dem, welcher damit die Fünftausend in der Wüste gespeist hat. Der ruhelos durch die Asphaltwüste der Großstadt wandernden Menge gilt dieser Hinweis auf ihn, der allein das darbende Herz mit dem Brot des Lebens sättigt. Darüber, in der Bildmitte, steht der Baum des Lebens mit drei darüber schwebenden weißen Tauben als Sinnbild der heiligen Dreieinigkeit. Seitlich davon ein Krug als Hinweis auf das Lebenswasser, welches alles Dürsten stillt. Am eindrücklichsten wirkt das oberste Bild: Zwei Frauengestalten, eine sitzende in weißem Kleid und eine dunkelgewandete stehende. Die eine läßt nachdenklich die Hände auf dem Schoß ruhen, die andere trägt einen Krug unter dem Arm. Beider Blicke sind einem unsichtbaren Dritten zugekehrt. Der Bibelkundige kennt die Szene: Maria und Martha vor dem Herrn Christus. Aus der ganzen Darstellung spricht sein an die geschäftige Martha gerichtetes Wort: "Martha, Martha, du machst dir Sorge um viele Dinge. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt, und das soll nicht von ihr genommen werden."

Die Mahnung redet hinaus in die geschäftige Straße mit ihrer Sorge und Unruhe um viele Dinge. Sie wirbt um einen Augenblick der Besinnung auf das eine Notwendige. Das Kirchgemeindehaus will sich bei aller Betriebsamkeit, die jetzt schon seine Räume durchpulst, deutlich bekennen zu seiner Haupt-Bestimmung, Stätte der inneren Sammlung zu sein, ein Ort des Lauschens dicht neben dem lauten Alltagslärm.

Der Künstler aber, der dieses gediegene Werk als eine Bereicherung unseres Zürcher Stadtbildes schuf, Franz Karl Opitz in Witikon, hat unserer Bevölkerung damit etwas nicht nur ästhetisch Wertvolles, sondern auch innerlich Gehaltreiches gegeben: Ein Mahnmahl am Rande der Heerstrasse.

(B.L.) 1958


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